Bayreuther Festspiele

Theaterreform

Überlegungen Richard Wagners zu einer grundlegenden Theaterreform


Bester Freund, was ist all unser Hineinpredigen in das Publikum? [...] Hier ist ein Damm zu durchbrechen und das Mittel heißt: Revolution! Die positive Basis muß gewonnen werden; was wir für gut und recht halten, das muß das Gegebene, Feste und Unabänderliche werden, dann löst sich das jetzt herrschende Schlechte von selbst zur albernen, leicht besiegbaren Opposition auf. Ein einziger vernünftiger Entschluß des Königs von Preußen für sein Operntheater und alles ist mit einmal in Ordnung!
Richard Wagner, Brief an
Ernst Kossak (1814 - 1880),
23. November 1847


In der theatralischen Kunst vereinigen sich, mit mehrer oder minderer Beteiligung, sämtliche Künste zu einem so unmittelbaren Eindruck auf die Öffentlichkeit, wie ihn keine der übrigen Künste für sich allein hervorzubringen vermag. Ihr Wesen ist Vergesellschaftung mit Bewahrung des vollsten Rechtes der Individualität.

Bei Vermehrung des äußeren Glanzes ist die innere Hohlheit und entsittlichende Zwecklosigkeit theatralischer Leistungen in ihrer größeren Gesamtheit so weit gestiegen, daß die Ansicht, in dem Theater nur eine kostspielige Unterhaltungsanstalt zu sehen, eine verachtungsvolle Teilnahmlosigkeit der Nation hervorgerufen hat, in welcher gegenwärtig die Frage aufgeworfen wird, wie in bedrängten Zeiten ein solches müßiges Institut denn die Unterstützung durch die Zivilliste zu beanspruchen im Rechte sein könnte? [...] Bemühen wir uns, die höchste Anforderung des Staates an die Wirksamkeit des Theaters in einen bündigen Ausdruck zusammenzufassen, so können wir heute noch keine schönere Bezeichnung für dieselbe finden als den Ausspruch Kaiser Josephs: "Das Theater soll keine andere Aufgabe haben, als auf die Veredlung des Geschmackes und der Sitten zu wirken." [...] Also nur, wenn die Leute nicht wissen, was sie vor langer Weile mit einem Abende anfangen sollen, nahm man an, daß sie das Theater besuchen würden? In der Tat, bei einem großen Teile des Publikums ist diese Ansicht zur Gewohnheit, das Theater somit zu einer bloßen Unterhaltungsanstalt, zum Zeitvertreib als Surrogat für Kartenspiel u. dergl. herabgesunken. Wollten wir nun von vornherein nicht eine bei weitem höhere und würdigere Ansicht vom Theater ins Auge fassen und zur Geltung zu bringen suchen, so begriffen wir nicht, mit welchen Ansprüchen wir die tätige Unterstützung der Nation irgendwie für dieses Institut zu fordern uns unterfangen sollten. Unsre Ansicht ist daher, wie wir sie dargetan haben, eine edlere; nach ihr beanspruchen wir die vollste und regste Teilnahme der gesamten Nation an einer künstlerischen Anstalt, welche im Verein mit allen Künsten ihren Zweck in der Veredelung des Geschmackes und der Sitten erkennt. Diese Teilnahme des Publikums muß eine tätige, energische, - nicht schlaffe und oberflächlich genußsüchtige sein.

Richard Wagner, Entwurf zur Organisation eines
deutschen National-Theaters für das Königreich Sachsen (1848)



Hoffentlich wird der freie Staat, sobald er einigermaßen sich selbst zur Besinnung gekommen sein wird, seine Pflicht gegen sich auch darin erkennen, daß er, in Erwägung der ungemeinen Wirkungsfähigkeit des Theaters, sich diese Fähigkeit zu dem edelsten und freiesten Zwecke, zu dem Zwecke seiner selbst sich versichert; er wird dies dadurch erreichen, daß er durch geeignete Unterstützung das Theater unabhängig von jeder anderen Rücksicht außer der macht, die Sitten und den Geschmack des Volkes zu kräftigen und zu veredeln. Diese Absicht muß die einzig ihm untergelegte sein, frei und selbständig muß er dieser einen Aufgabe nachgehen dürfen, jeder Einfluß außer dem der künstlerischen Intelligenz des berufenen und des unverleiteten sittlichen Gefühls der Gesamtheit muß von ihm ferngehalten werden.

Richard Wagner, Über Eduard Devrients
"Geschichte der deutschen Schauspielkunst" (1849)



Eure "Praxis", ihr Bühnenfreunde, hat großes Unheil in die Kunstgenossenschaft gebracht, so großes, daß ihr euch nun berechtigt haltet, ihnen die Fähigkeit zur Beratung ihrer eigenen Interessen abzusprechen! Ihr klugen "Praktiker" habt es durch eure pfiffigen Regierungsmaßregeln soweit gebracht, daß diese Genossenschaften kaum noch wissen, daß sie zu einem gemeinsamen Zwecke der Kunst vereinigt sind, daß nur eines ihren Zweck sie erreichen lassen kann: das Gemeingefühl. [...] - und seht, darin fühlen wir uns aber über eure Klugheit erhaben, daß wir selbst das deutliche Bedürfnis in uns gewahren, durch zweckmäßige Einrichtungen jenen Gemeingeist der künstlerischen Genossenschaft unter uns wieder aufleben zu lassen.
Und somit sei euch, ihr "Praktiker", auch versichert, daß niemand besser, als die künstlerischen Genossenschaften, es wissen, wer fähig ist, ihre Gesamtleistungen zu leiten [...] deshalb weiß aber auch niemand besser als sie, wen sie aus den etwa vorgeschlagenen zu wählen haben [...]

Richard Wagner, Theaterreform (1849)



Bayreuther Festspiele GmbH - Festspielhügel 1-2 - 95445 Bayreuth
HAUPTSPONSOREN:
Audi Wöhrl