Bayreuther Festspiele

Götterdämmerung
Götterdämmerung
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Götterdämmerung

Götterdämmerung

Besetzung 2009

Musikalische Leitung Christian Thielemann
Regie Tankred Dorst
Bühnenbild Frank Philipp Schlößmann
Kostüme Bernd Skodzig
Dramaturgie Norbert Abels
Chorleitung Eberhard Friedrich
 
Siegfried Christian Franz
Gunther Ralf Lukas
Alberich Andrew Shore
Hagen Hans-Peter König
Brünnhilde Linda Watson
Gutrune Edith Haller
Waltraute Christa Mayer
1. Norn Simone Schröder
2. Norn Martina Dike
3. Norn Edith Haller
Woglinde Christiane Kohl
Wellgunde Ulrike Helzel
Floßhilde Simone Schröder

Zur Inszenierung

Von Norbert Abels, 2006

Anmerkungen zu Tankred Dorsts Inszenierung des „Rings der Nibelungen“

Götterdämmerung

Dorsts Zugriff auf den „Ring“ fragt nach der Wahrheit des alten, nach Nietzsche, „urgermanischen Wortes“, wonach alle Götter wie die Menschen sterben müssen. Wagners an der griechischen Tragödie geschulte Familiensaga lässt, dem roten Gold des Anfangs entsprechend, am vermeintlichen Schluss eine „dem Nordlicht ähnliche rötliche Glut“ am Himmel erscheinen.

 

Aus den Trümmern der Gibichungen dringt bei Wagner Feuerschein nach oben und illuminiert „in lichtester Helligkeit“ aufleuchtend den Saal Walhalls, worin Götter und Helden in stiller Versammlung wie auf einem Familienportrait versammelt sitzen. Das Bild mag verglühen; die Dargestellten aber sterben so wenig wie die griechischen Götter, deren Schicksal eben gerade die Unendlichkeit war. Auch Siegfried, der Held, wartet dort wie Phoenix, Tammuz, Osiris oder der Nazarener auf seine Wiederherstellung im Labyrinth der Unendlichkeit.

 

Der Begriff „Dämmerung“, so ambivalent wie der Zeitbegriff „einst“, bestimmt auch Dorsts Blick auf das Ende, das kein Ende sein darf, weil alles, was war, ist und sein wird, im Raum und in der Zeit fortatmet, auch in unserer, von Bildüberschwemmungen heimgesuchten Epoche.

 

Der „dritte Tag“ der Tetralogie spielt vollends in der Menschenwelt. Wotan hat sich aus diesem Spiel zurückgezogen. Die Schicksalsnornen, die zu Beginn von Siegfrieds Tat, dem Zerbrechen des Götterspeeres, berichten, erzählen vom Ende, von den zum Brand gerüsteten Scheiten der Weltesche, von den letzten Tagen Walhalls. Bei diesem Geschäft geraten die Prophetinnen aber selbst in arge Bedrängnis. Es verwirren sich unauflösbar ihre Schicksalsseile. Der Blick auf die Zukunft scheint versperrt. Wagner bereitet klug sein oft umgearbeitetes und schließlich bewusst ambivalent, ja offen gestaltetes Finale vor. Was bleibt, ist der Blick auf das Gewesene. Walter Benjamins Angelus Novus, der Engel der Geschichte, nähert sich mit dem Blick auf die Kalvarienberge der Geschichte dem Paradies.

 

In unserem „Ring“ residieren die ins Universum starrenden Spinnerinnen auf einer gewaltigen Schädelstätte. Unter ihnen liegen die Toten, die Vergessenen, welchen kein Weg als Held nach Walhall beschieden ward. Unter ihnen liegt unsere eigene Geschichte. Wie sie weitergeht, kann niemand mehr prognostizieren: „Zu End ewiges Wissen.“ Held Siegfried verlässt im Steinbruch Brünnhilde. Er schenkt ihr den von Fafner erbeuteten Ring. Wie ahnungslos ist er? Wohin treibt es ihn, das unwissende Instrument einer großväterlichen List und eines egomanischen Planes?

 

Was folgt, ist die Fortsetzung des Machtkampfes in der Wirklichkeit. Wir entschlossen uns für eine Gesellschaft am Vorabend des Unterganges. Charakteristisch für diese Gesellschaft ist die von ihr geradezu kulthaft zur Erscheinung gebrachte Affinität von Ästhetizismus und Barbarei. Die Welt der Gibichungen erinnert an jene Mischung aus dekadenten und martialischen Elementen, wie sie für die Kunst eines Gabriele D’Annunzios galt.

Tankred Dorst

zeigt, wie dort ein Kunstmythos mit künstlichen Mitteln, mit Mitteln der Verkleidung, errichtet wird. Begegnen uns beim genaueren Hinschauen unter den zum Teil kostümierten Partygästen nicht auch Figuren aus dem Leben des Meisters? Wandeln dort nicht auch der Anarchist Bakunin oder der Bayernkönig Ludwig?

 

Künstliche kriegerisch-antike Symbole, mit Patronenköpfen versehene Säulen, werden in der großen Hotelhalle der Gibichungen aufgestellt. Man entdeckt das Uralte, man unterhält sich mit Ritualen, man frönt einem bizarren Opferritus. „Mysterientheater“, sagt Dorst und präzisiert: „Man vergisst, dass es sich um Menschen aus der Wende zum 20. Jahrhundert handelt – so wie der Faschismus das heroische Zeitalter wieder heraufbeschwören wollte in einer Welt, die dem Luxus, der Wellness, dem Konsum verfallen ist. Diese Anstrengung ist lächerlich, manieriert, auch blutig. Da stolziert als Allegorie der Eitelkeit der große Hahn. Die in einer Reihe aufgestellten eleganten Schuhe präsentieren sich als hohle Formen, abgelöst von ihren lebendigen Trägern, nunmehr deren Stelle einnehmend.“

 

Wenn Siegfried auftritt, beginnt ein Ritual unter dem alten anthropologischen Titel: Urmensch und Spätkultur. In dem Maße, in dem der Wilde die ihm zugewiesene Rolle reproduziert, sinkt seine Stärke, versiegt seine Unschuld. Siegfried, der Einzige, dient als lebende Veranschaulichung eines neu-barbarischen Kulturideals. Sein Tod bei der Jagd geschieht vor den Augen der dekadenten Hotelgäste, scheint diese – an Scheininszenierungen gewohnt – nicht eben sonderlich zu interessieren. Wieder gelangen Heutige auf die Szene. Die Tatbestandsaufnahme eines Mordes wird mit Kreide auf der Vorderbühne festgehalten. Der große Brand erfolgt am Schluss. Wer verbrennt? Was geht unter? Zur Nachtzeit versuchen die Hotelgäste panisch das Gebäude zu verlassen. Es gelingt ihnen. Aber was erwartet sie außerhalb der Mauern in der Außenwelt, jenseits der Weckglasatmosphäre ihrer morbidbizarren Kultur?

 

Dorst beantwortet diese Frage mit neuen Rätseln. Einige kehren zurück. Was mögen sie draußen erblickt haben? Siegfried ist tot. Aber Hans, der Bub, der während der vier Abende immer wieder aufgetaucht ist, scheint auch am Ende höchst lebendig. Und so Sieglindes Erlösungsmotiv erscheint – ein anrührendes Déjà-vu, ein junges Liebespaar.




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