Bayreuther Festspiele

Lohengrin
Lohengrin

Lohengrin

Besetzung 2011

Musikalische Leitung Andris Nelsons
Regie Hans Neuenfels
Bühnenbild Reinhard von der Thannen
Kostüme Reinhard von der Thannen
Licht Franck Evin
Video Björn Verloh
Dramaturgie und Regie-Mitarbeit Henry Arnold
Konzeptionelle Mitarbeit Susanne Øglænd
Chorleitung Eberhard Friedrich
 
Heinrich der Vogler Georg Zeppenfeld
Lohengrin Klaus Florian Vogt
Elsa von Brabant Annette Dasch
Astrid Weber
(2.8)
Friedrich von Telramund Tómas Tómasson
Jukka Rasilainen
(8.8, 14.8, 26.8)
Ortrud Petra Lang
Der Heerrufer des Königs Samuel Youn
1. Edler Stefan Heibach
2. Edler Willem Van der Heyden
3. Edler Rainer Zaun
4. Edler Christian Tschelebiew

Zur Inszenierung

Von Henry Arnold

Kein Grund zur Hoffnung

Von Anbeginn geht es in Wagners Lohengrin um die Suche nach Wahrheit. Auch wenn es sich zunächst um eine Anschuldigung und die Rekonstruktion eines Tathergangs handelt, wird schnell klar: Die Lage ist verworren. Sie ist undurchschaubar für die Menschen, es geht um Vorgänge, die sich herkömmlichen Erklärungsversuchen verschließen.

Anders gesagt: Es wird ein Spiel gespielt, dessen Regeln den Mitspielern offensichtlich nicht bekannt sind.

Und der Versuch setzt sich fort: Im Moment größter Ausweglosigkeit bringt Wagner von außen die zentrale Figur – Lohengrin - ins Spiel. Diese neue Figur, die mehr zu wissen scheint, knüpft ihre Beteiligung am Spiel jedoch an eine Bedingung: Das Wissen bleibt geheim.

Der experimentelle Charakter der Grundsituation ist Ausgangspunkt der Inszenierung von Hans Neuenfels und seines Teams (Ausstattung: Reinhard von der Thannen).

Der Raum ist strikt geometrisch, alles ist gestaltet und hat eine klar definierte Funktion. Er erinnert an ein Labor, an einen Ort, an dem experimentiert und seziert wird. Die Figuren sind ausgestellt und ohne Halt, ihre Emotionen liegen unterm Mikroskop. Der Raum erzwingt die Freilegung von feinsten Nerven und Geäder, er setzt das Innerste frei und stülpt es nach außen. Dieses sozusagen klinische Ambiente reicht bis in die Materialwahl hinein. Da gibt es nichts Naturalistisches, kein Bild ist Abbild. Auch das Bild ist immer Gedanke.

Drei Fragen schieben sich ins Zentrum der Auseinandersetzung mit Lohengrin:

I.    Wer ist Lohengrin?
II.    Das Frageverbot: Was hat es damit auf sich?
III.    Und was zum Teufel soll uns der Gral und sein Gesetz?

Eine vierte Frage ist schnell geklärt: Wagner wählt einen zwar weit entfernten, dennoch konkreten historischen Hintergrund – die Regierungszeit des Sachsenkönigs Heinrich I. Aber darum geht es nicht, Lohengrin ist kein Historiendrama. Und weiter noch: Vor diesem Hintergrund erzählt er eine sagenhafte Geschichte, die irgendwie mit der christlichen Mythologie verwoben ist. Aber auch darum geht es nicht.

Die Musik von Wagner hat immer mit Entwürfen zu Welt, Individuum und Gesellschaft zu tun. Er benutzt die Mythen um die Verflechtung der Menschen in die Gegebenheiten aufzuzeigen.

Der Schlüssel zu dieser seltsamen (und nebenbei: auch oft parodierten) Story liegt nicht in der Benennung oder Interpretation der komplexen Umstände. Der Schlüssel liegt in den Figuren selbst.

Ein Mann wird hineingeworfen in eine aufgewühlte und verunsicherte Welt. Er hat – wie wir sehr spät erst erfahren – einen Auftrag, und er untersteht einem Gesetz. Und dann verliebt er sich.

Lohengrin sucht das Weib, „das ihn unbedingt liebe“, schreibt Wagner 1851 in seiner Mitteilung an meine Freunde. Es verlangt ihn „nach dem einzigen, was ihn aus seiner Einsamkeit erlösen, seine Sehnsucht stillen konnte – nach Liebe, nach Geliebtsein, nach Verstandensein durch die Liebe.“

Es ist die Hoffnung, die Liebe könne ihn aus seiner existentiellen Einsamkeit befreien.

Und an diese Idee knüpft sich die Forderung nach bedingungslosem Vertrauen, als radikale These. Aber der Versuch geht gründlich daneben.

Das Scheitern ist unausweichlich .Die Natur ist stärker. Anders gesagt: Die Gegebenheit unserer endlichen, diesseitigen und eng begrenzten Existenz ist unüberwindlich, und daher -  schreibt Wagner bereits 1846 in einem Brief - täte „der liebe Gott klüger, uns mit Offenbarungen zu verschonen, da er doch die Gesetze der Natur nicht lösen darf: Die Natur, hier die menschliche Natur, muss sich rächen und die Offenbarung zunichte machen.“

Es gibt keine Flucht aus dieser Welt. Lohengrin ist, wie er später einmal formuliert, seine traurigste Oper.

Und so enträtseln sich auch  Frageverbot und Gralsgesetz. Sie kommen nicht von außen, sondern sind Teil des Gedankens, sie sind Wagners Weltentwurf immanent.

Lohengrin ist ein vollkommen diesseitiger, suchender und zerrissener Mensch, der eine radikale und unerhörte Forderung stellt - an sich, an die Existenz, an sein Gegenüber – und scheitert. Und er ist eben kein Fremder, der „aus einem glänzenden Reiche leidenlos unerworbener, kalter Herrlichkeit“ herabsteigt, der „willenlos“ an ein „unnatürliches Gesetz“ gebunden ist.

Die Gruppe, das Volk, die Masse – und der Chor ist  sicher einer der Protagonisten im Lohengrin – erzählt im Grunde die gleiche Geschichte. Die Menschen wollen in einem Kontext existieren und versuchen, ihre Existenz über das bloße Dasein hinaus zu vergrößern und ihr eine Bedeutung zu geben, die über den eng gesteckten zeitlichen und physischen Rahmen hinaus weist.

Daher nehmen sie jedes Angebot gierig an. Telramund, der redliche Kämpfer, den Ortrud in ihrem Hass und ihrer Lust nach Rache erbarmungslos verheizt, wird fallen gelassen, Lohengrin wird sozusagen unbesehen zum neuen Leitbild proklamiert.

Immerhin: Es gelingt ihnen, die erste Hülle ihrer Existenz – die Ratte - abzustreifen, zum Vorschein kommt eine jeweils andere Uniform. Aber auch dieser Versuch läuft in die Irre.

Am Ende kommt, in Gestalt von Gottfried, etwas Neues, Unbekanntes, das die alte Generation – rein biologisch – ablöst. Und irgendwann seinerseits abgelöst wird. Mehr ist nicht.



Bayreuther Festspiele GmbH - Festspielhügel 1-2 - 95445 Bayreuth
HAUPTSPONSOREN:
Audi Wöhrl