Bayreuther Festspiele

Das Rheingold
Das Rheingold

Das Rheingold

Besetzung 2013

Musikalische Leitung Kirill Petrenko
Regie Frank Castorf
Bühnenbild Aleksandar Denić
Kostüme Adriana Braga Peretzki
Licht Rainer Casper
Video Andreas Deinert
Jens Crull
 
Wotan Wolfgang Koch
Donner Oleksandr Pushniak
Froh Lothar Odinius
Loge Norbert Ernst
Fricka Claudia Mahnke
Freia Elisabet Strid
Erda Nadine Weissmann
Alberich Martin Winkler
Mime Burkhard Ulrich
Fasolt Günther Groissböck
Fafner Sorin Coliban
Woglinde Mirella Hagen
Wellgunde Julia Rutigliano
Floßhilde Okka von der Damerau

Zur Inszenierung

DAS RHEINGOLD

Patric Seibert über den "Ring des Nibelungen"

 

Die ersten Überlegungen zur Neuinszenierung des Rings für die Bayreuther Festspiele 2013 gingen zunächst in die Richtung eine Übersetzung für das Rheingold und den daraus geschmiedeten Ring zu finden. Hierbei stießen wir auf das Öl als Grundmotiv, in das auch das von Udo Bermbach ausführlich bearbeitete Thema einer durch gescheiterte Machtpolitik ruinierten Welt in die Inszenierung einfließen konnte, da dieses auch unserer Wagnersicht sehr nahe kam.

Doch sehr schnell bemerkten wir, dass wir mit einer bloßen Gleichsetzung Gold/Ring = Öl zu kurz greifen würden. Erstens ist Richard Wagner in seiner Musik wie in seiner dramatischen Vorlage zu konkret – ein solcher Eingriff würde die Werke ihres Witzes und ihrer Anarchie berauben und den Gesamtaufbau zerstören. Und zweitens wäre es auch aufgrund der äußeren Umstände der Inszenierungsarbeit kaum möglich gewesen, ein solches Konzept stringent durchzuführen, ohne dass es Reibungsverluste gegeben und Glättungen bedurft hätte. Das sollte vermieden werden.

Trotzdem war das Thema Öl gesetzt und eröffnete den Weg in die Geschichte des 20. Jahrhunderts, an dessen Schwelle Richard Wagner stand und für die er nicht nur im Bereich der Musik Wegmarken setzte, sondern auch philosophiegeschichtlich wie ein Brennglas wirkte. Von Hegel und Feuerbach kommend, bereitete er den Weg für eine Kunst des Abgründigen und Zwielichtigen und wies so auch den Weg in Richtung der Existenzialisten und zu Freud. Seine Interpretation von Schopenhauers Text Über das Geistersehen, die er 1870 in seinem Beethoven-Essay niederlegte, enthält die Beschreibung des Angstschreis als menschlicher Uräußerung an das Gehör. Der vereinzelte, entfremdete Mensch der Produkt- und Produktionswelt mit seinen Albträumen und Verstümmelungen wird thematisiert.

Wie wir sehen, gibt es kein „Ende der Geschichte“ nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten, vielmehr ist ein neuer Krieg ausgebrochen und an die Stelle des Kalten Krieges getreten. Ein Krieg um Ressourcen, die immer knapper werden und auf die der Zugriff um jeden Preis gesichert werden muss. In diesem Krieg, der auch ein Informationskrieg ist, sind alle Mittel erlaubt, denn die Interpretationsgewalt über die Geschichte behält der Sieger – so werden Fakten veränderbar, Bilder retuschierbar – die Realität fragwürdig.

Deshalb ist Geschichte auch nicht unbedingt linear zu denken. Wie beim Zappen oder Surfen, wird das Fragment immer mehr zum Fanal der Freiheit – auch dies wieder ein Fingerzeig aus der deutschen Romantik. Niemand kann mehr alles wissen – das Ideal des universal gebildeten Menschen der Aufklärung weicht dem Experten, dem Nerd und Schmalspurfachmann. Schnell generierte und gesammelte Informationen können kaum mehr in einen Gesamtkontext eingeordnet werden, Bruchteile geben einen Eindruck vom Großen und Ganzen – nur eine diskontinuierliche Erzählstruktur kann einer so fragmentarisierten Welt gerecht werden.

So nimmt die Erzählung in den USA zur Zeit der großen Hollywood Technicolorfilme – der scheinbar unbegrenzten Konsummöglichkeiten – ihren Anfang, springt dann nach Baku, wo in den 1880er Jahren ein Ölboom aufkam, in den Nobel und Rothschild als Unternehmer investierten und der für den jungen Josef W. Dschugaschwili (den späteren Stalin) zum Katalysator auf seinem Weg zum radikalen Revolutionär wurde.

Aus der ideologischen Steinzeit geht es rasch in den sozialistischen Realismus, wo man das Fürchten lernen kann. In einer Welt, in der alles aus Plastik gemacht ist, vergisst man schnell, woraus „Plaste und Elaste“ hergestellt sind. Die großen Ölkonferenzen der RGW*-Staaten in den 50er Jahren ließen das sowjetische Rohöl in die DDR fließen, von wo aus die Sekundärprodukte nicht nur in den Ländern der Warschauer Vertragsorganisation weitergehandelt wurden. Die Industriegebiete bei Leuna und Bitterfeld, die schon synthetischen Treibstoff für die Wehrmacht des Deutschen Reiches hergestellt hatten, spielten wieder eine große Rolle. Der Weg führt von Baku über die IG Farben zu Buna ... endet er an der New Yorker Börse?

Wahrscheinlich nicht – denn die Möglichkeit eines bösen Scherzes ist nicht auszuschließen. Vielleicht befinden wir uns auch nur im wirren Traum eines mongolischen Schamanen, der in der Steppe vor seinem Feuer sitzt, in die Flammen blickt und in dessen Bewusstsein Welten wie Seifenblasen auffliegen und dahinschweben...


Empfohlene Literatur:
Richard Wagner: Beethoven
Søren Kierkegaard: Der Unglücklichste/Der Begriff Angst
Arthur Schopenhauer: Über das Geistersehn und was damit zusammenhängt
Simon Sebag Montefiore: Der junge Stalin
Viktor Pelewin: Buddhas kleiner Finger/Tolstois Albtraum
Thomas Seifert/Klaus Werner: Schwarzbuch Öl


Filme:
Panzerkreuzer Potemkin (R: Sergej Eisenstein)
Tschapajew (R: Sergej und Georgji Wasilijew)
There will be blood (R: Paul Thomas Anderson)
Giant (R: George Stevens)


* Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), 1949-1991; wirtschaftlicher Zusammenschluss der sozialistischen Staaten unter Führung der Sowjetunion.



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