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Catherine Foster and Friends
6. & 11. August 2026 · 20.00 Uhr
im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth
Die Bayreuther Festspiele
Hier wird Wagners Musik erlebbar – intensiv, klar und direkt. Jede Aufführung lädt ein, in die Kraft seiner Werke einzutauchen und ein Fest für die Sinne zu erleben. Seit 150 Jahren begeistert Bayreuth Menschen aus aller Welt – seien Sie Teil dieses Jubiläums.
Werte Festspielgäste,
kein Opernfestival der Welt ist so untrennbar mit einem einzigen Werk, einem einzigen Künstler und einem einzigen Ort verbunden wie die Bayreuther Festspiele. Als Richard Wagner hier 1876 sein neuartiges Festspielhaus eröffnete, blickte ganz Europa auf dieses Experiment. Seitdem ist der Grüne Hügel zu einem der bedeutendsten Orte der Musikgeschichte geworden – einem Ort, der Menschen aus aller Welt anzieht. Einem Ort, der allein dafür gemacht wurde, die unvergleichlichen Werke Richard Wagners zu hören. Das 150. Gründungsjubiläum ist ein schöner Anlass, diese Faszination zu feiern. Es ist zugleich ein Zeitpunkt, um innezuhalten und zurückzublicken – auf die Geschichte dieses Ortes in all seinen Facetten, auf seine Überhöhung als deutscher Mythos und auf seine seit eineinhalb Jahrhunderten andauernde Bedeutung für die Welt der Musik und auch für unser Land.
Die Festspiele waren bei ihrer Entstehung ein Hort künstlerischer Erneuerung. Richard Wagners Idee zielte auf die Erschaffung eines Gesamtkunstwerks, das Musik, Drama und Architektur zur Gemeinschaftserfahrung verbinden sollte. Diese Idee fasziniert die Menschen bis heute.
Die Geschichte des Grünen Hügels ist allerdings nicht frei von Schatten. Der Antisemitismus Wagners, die Verstrickung der Festspiele mit dem Nationalsozialismus, die Bereitschaft, diesen Ort dem verbrecherischen Regime zur Selbstinszenierung darzubieten – dies alles gehört zu einem aufgeklärten Bild der Tradition Richard Wagners in Bayreuth. Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Vergangenheit bleibt ein notwendiger, bis heute nicht abgeschlossener Prozess.
Wer für die Zukunft diesen Ort mit seiner Kraft und Magie erhalten und würdigen will, darf seine dunkle Geschichte nicht ausblenden. Beides gehört zu Bayreuth.
Was die Festspiele lebendig hält, ist die Spannung zwischen Tradition und Wagnis. Wagners Werk ist kein Museum. Es wird hier jedes Jahr neu befragt, neu gedeutet, neu gehört. Regisseure, Dirigenten und Sängerinnen und Sänger aus aller Welt bringen jedes Jahr neue Lesarten auf die Bühne des Festspielhauses – und zeigen damit die Kraft zur Erneuerung.
Ich gratuliere den Bayreuther Festspielen zu diesem Jubiläum. Mögen sie den Mut zur Erneuerung bewahren.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
Verehrter Herr Bundeskanzler, verehrter Herr Ministerpräsident, liebe Mitglieder der Bayreuther Festspiele, liebe Katharina – sehr geehrtes Festpublikum,
daß ich hier vor Ihnen stehen darf, um aus meiner Sicht die 150 Jahre des Bestehens der Festspiele zu würdigen verdanke ich dem mutigen Entschluss meiner Kusine Katharina. Sie können sich vorstellen, welche Gefühle eine Rednerin hegt, die für diese 150 Jahre exakt 20 Minuten Zeit hat – und damit darf ich Ihre freundliche Zustimmung voraussetzen, für den heutigen Abend weniger eine „Summa“ als vielmehr ein „Kaleidoskop“ zu bieten: Postkarten aus dem Familienalbum, eine „Laterna Magica“ der Schattenspiele und Geistererscheinungen.
Und schon erscheint er, unentbehrlich: Franz Liszt erscheint, in der Soutane eines Weltgeistlichen, auf dem Dach des eingerüsteten Festspielhauses. Wir schreiben 1873, es ist Richtfest. Jedermann weiß: ohne Liszt hätte es Wagner so nicht gegeben. Am Arm führt er seine Tochter Cosima, die uns in ihrem Tagebuch davon berichten wird, wie sie plötzlich Angst bekommt vor der „Kühnheit“ des Unterfangens, alles erschien ihr wie ein Grab, sie sieht eine Pyramide emporwachsen. Ähnlich soll es Wagner ergangen sein, als seine Utopie Gestalt annahm, als seine kunst- und gesellschaftsverändernden Pläne sich in Bretter und Ziegelsteine verwandelten. Nach dem Richtfest brütete er schweigend vor sich hin – jetzt war er unfrei – und mit ihm vielleicht die kommenden Generationen.
Wie immer aber: eines der „faszinierendsten Vorkommnisse der Geistesgeschichte“ – so Thomas Mann – hatte Fahrt aufgenommen und was als Happening am Rheinufer, was für Zürich, Weimar und München geplant war, fand in der oberfränkischen Provinz seine Materialisierung. Die Geschichte des merkwürdigsten Festivals der Welt hatte im August 1876 begonnen – und nur die schiere Gewöhnung hindert uns daran, dessen absonderliche Egozentrik wahrzunehmen: ein Festival nur für die Werke eines einzigen Komponisten! Für ein schmales Repertoire von zehn Opern/Musikdramen, alljährlich wiederkehrend. Das erinnert zwar an die schöne Verläßlichkeit von Weihnachten – aber immergleiche Geschenke, nur jedes Mal anders verpackt? Würde sich dieses Rezept über die Zeit bewähren? Es war ein Vabanque-Spiel mit hohen Risiken. Kein Wunder, daß Wagner selber seinen Festspielbau einmal eine „Narrenlaune“ genannt hat und nach der defizitären ersten Saison von seinem „Qualhall“ sprach.
Aber im Sommer 1876 waren sie da – der Kaiser, Könige, Künstler, bessere Kreise, Geber, Schaulustige. Wußten sie, wo sie waren? Draußen grober Theater-Funktionalismus und drinnen? Als Kind schaute ich immer empor zur Decke des Zuschauerraumes und habe nicht verstanden, warum da goldene Taue ein Segel festzuhalten schienen. Als Kind habe ich auch nicht verstanden, woher plötzlich die Töne kamen, wo doch keiner zu sehen war, der musizierte. Solche Verständnis-Lücken führen aber direkt ins Herzstück des Wagnerschen Lebens und Denkens.
Das sog. Velarium über Ihren Köpfen weist auf den Paten dieses Gebäudes zurück, auf den Architekten Gottfried Semper, Dresdner Revolutionskollegen und Freund Wagners; zugleich der gedankliche Pate des amphitheatralischen Halbrunds – bzw. Kreis-Achtels – des Zuschauerraums. Beide Elemente führen uns zurück ins antike Griechenland, in die Freiluftvorstellungen nach Epidauros, Delphi, Athen. Sie wissen es – die griechischen Trauerspiele waren das konzeptuelle Vorbild der Wagnerschen „Ring“-Tetralogie, für die dieses Haus erbaut wurde. Nimmt man noch Wagners sozialen Traum von einem kostenlosen Eintritt für alle dazu – so sind wir mit Griechenland hier und der demokratischen Revolution dort – noch bevor sich der Vorhang hebt – zu Partisanen Richard Wagners geworden.
Aber wer oder was erzeugte das musikalische Tönen und Wogen? Die Musik scheint ja wirklich von Nirgendwoher zu kommen, aus dem Dunkel, gleichsam urheberlos wie die mythische Erzählung selbst. Die Idee des unsichtbaren Orchesters gehört eng zu Wagners Ästhetik, zu seinem Wunsch nach der totalen Phantasmagorie. Später habe ich dann – mithilfe des Wagner-Kritikers Theodor W. Adorno – gelernt, daß das Wegschwindeln und Verheimlichen der physisch-technisch-materiellen Erzeugung von Musik Teil einer verlogenen Illusionsideologie sei – auf die dann wieder gewisse politische Manöver aufbauen konnten. Dabei braucht man ja nur in den Orchestergraben hinunterzusteigen, um ordentlich desillusioniert zu werden. Da ist ein Schwitzkasten, eine Nibelungenwerkstatt – nur statt der Knute Alberichs der Elfenbeinstab des Dirigenten – gottlob auch der Dirigentinnen – aber Schwerarbeit war hier immer: Die da unten, wir da oben..
Wir da oben – auf gnadenlosen Stühlen, einkomponiert ins Wagnersche Kunst-Ritual. Wer hier Publikum ist, vollzieht immer die Faltenwürfe der größeren Geschichte mit, mit der Inszenierungsgeschichte auch die politisch-gesellschaftliche. Wer hier Platz nimmt, sitzt mit all denen, die hier schon gesessen haben, gleichsam in einem Boot, in einer Zeit-Raum-Kapsel. Er hat die Bärenfelle auf der Bühne von einst so gut im Unter-Bewußtsein wie den leeren Raum der Nachkriegszeit, auch die Kostümierungen des jeweiligen Publikums von der sperrigen Krinoline 1876 zum lautlosen Turnschuh unserer Tage, von der roten Armbinde der Zwischenkriegszeit zur Wirtschaftswunder-Bauchbinde danach – aber er weiß auch um die Treue des Hauses zu einem gesamtdeutschen Staat, die gleichsam der Wiedervereinigung vorauslief, manifest in den vielen Mitwirkenden aus der „Ostzone“.
Mit der Witwe Cosima beginnt die wechselvolle Theatergeschichte des Hauses: Cosima etabliert die Festspiele im eigentlichen Sinn – mit dem Primat des Werkes, mit dem Versuch der Mustergültigkeit einer Wagner-Darstellung für alle Zeiten. Und sehen Sie nicht auch, wie Sohn Siegfried, so ganz unheldisch-cremefarben gekleidet, an den Portalen steht und die Stellung hält? Ein guter Dirigent obendrein! Siegfrieds künstlerische Linie, von seiner jungen Frau Winifred bis 1944 fortgeführt, mit der Hilfe ihrer Theaterprofis Heinz Tietjen und Emil Preetorius, fiel in der Nachkriegszeit dann den Wagner-Enkeln zu. Wielands lichterfülltes, abstraktes und dann zeichenhaftes „Neubayreuth“ mit Werkstatt-Charakter erbrachte neue, internationale Weltgeltung, sein Bruder Wolfgang wird die Festspiele öffnen für eine „Palette der verschiedenen Handschriften“ und Wolfgangs Tochter gelingt es heute, in Bayreuth einen „Tannhäuser“ in Auftrag zu geben, bei dem gelacht werden darf oder es springen ein Fuchs und ein Hase, die gar nicht da sind, durch den Zuschauerraum.
Jedenfalls: Familie, wo man hinblickt, die Bayreuther Festspiele sind ein Familientheater. Hier der Urheber, der Dichterkomponist, dort sein Erbe, die Erben, die Nachkommen. Das Netteste, was über diese schwergewichtige Konstellation gesagt worden ist, kommt von einem sehr Unverdächtigen – von dem Komponisten Arnold Schönberg. Er liebe Wagner so sehr, schrieb er 1912, daß er in diese Liebe auch alle Wagner-Nachkommen einschließe.
Statt sich allgemeiner Liebesverhältnisse zu erfreuen, haben sich die Wagner-Nachkommen aber eher mit den Fragen des Geldes herumschlagen müssen – die ja Machtfragen sind. Ihre Festspiele zeigen nur allzu genau, was geschieht, wenn ein hortus conclusus – angesiedelt in der Sphäre der Ästhetik – in jene der Ökonomie überwechseln muß. Die finanziellen Risiken bilden denn auch das Grundrauschen der Bayreuther Festspiel-Unternehmung und sie bilden auch das Fundament für jenes politische Mitläufertum und jenen Opportunismus, den man nicht nur dem Gründer, sondern auch seinen nachfolgenden Vollstreckern in Bayreuth gerne und immer wieder angekreidet hat. Wenn der Kaiser nicht funktionierte, ja – dann ging man eben zum König; weil die Linke – als Geldgeber – ohnehin nie funktionierte, diente man sich „unpolitisch“ – es galt ja der Kunst – den Rechten an. In unseren demokratischen Zeiten laviert man nun tapfer zwischen den Subventionsgebern – den öffentlichen und privaten Händen. Aber auch das hat seine Abgründe.
Manchmal – meine Damen und Herren – kommt einem ja der Gedanke: was wäre wenn was wäre, wenn keine kollektiven Mäzene – hier die Patrone – aufgestanden wären vor 150 Jahren, keine emsigen Vereine Geld gesammelt hätten, keine Stadtväter den Baugrund geschenkt und kein bayerischer König – vorbei am deutschen Kaiser wie auch Bismarck – wiederum hochherzig in seine Staatsschatulle gegriffen hätte was wäre, wenn Wagner – nicht anders als Verdi – „normaler“ Komponist geblieben wäre, ohne eigene Alleinherrschafts-Domäne? Ich denke, wir sind uns darin einig: Wagner wäre auch ohne Bayreuth ein „Erfolg“ geworden, ja Kassenschlager an allen Opernhäusern – er ist es bis auf den heutigen Tag, beglaubigt und abgesichert von der großen Musikgeschichte, die er mitgeprägt hat. Aber Wagners Wirkungsgeschichte wäre ohne das höchstpersönliche Kraft-Zentrum Festspielhaus wohl anders verlaufen – weniger ideologieanfällig und weniger mißbrauchbar. Und auch für die Familie Richard Wagners hätte sich vieles anders – und sicherlich besser – gestaltet.
Das Licht unserer Laterna magica fällt hier auf die Wagner-Enkelin Friedelind – bargeldlos und verlassen streicht die Hitler-Gegnerin durch London und New York, von der Familie als Verräterin gebranntmarkt. Bei ihrer Rückkehr ins Bayreuth der fünfziger Jahre wird sie beiseite geschoben wie es den Re-Migranten vielfach geschah. Ihr, der Gradlinigen und Aufrechten gilt hier mein besonderer Gruß.
Aber blicken wir kurz zurück:
1926, als die Festspiele ihr 50jähriges Jubiläum begingen, war gerade Pausenjahr und Siegfried Wagner verweigerte sich: „Festessen, Festreden, Festartikel etc. Die Zeiten sind viel zu ernst und trübe als daß man Grund zum Jubilieren hätte!“ Die Nachwirkungen der kriegsbedingten Schließung des Hauses für zehn Jahre machten sich bemerkbar. Der „Unpolitische“ konnte sich gegen die bereits laufende völkische Inbesitznahme seines Vater-Hauses nur punktuell behaupten.
1976 – zum 100. Jubiläum – bezeichnete unser damaliger Bundespräsident Walter Scheel Bayreuth als „Spiegel der deutschen Geschichte“ und historisierte Richard Wagner, indem er ihn einreihte unter die großen europäischen Komponisten, ein Meister neben anderen Meistern. Scheel bedachte aber auch die Verstrickung von Wagners Bayreuth mit dem Nationalsozialismus. Nun ja, so meinte er, „was kann Wagner dafür, daß Hitler ihn mochte. Hitler liebte auch Berge und Schäferhunde“. Heute ist man da mißtrauischer und weiß: Wagner kann sehr wohl “was dafür“. Der Festakt selbst fand im Haus statt,, inmitten der „Meistersinger“- Festwiesen-Dekoration und auch rund um das Festspielhaus durfte getanzt und getrunken werden. Alles gut – oder vielleicht doch nicht? Winifred Wagner hatte soeben ihr Bekenntnis zu Adolf Hitler in die Kinos gebracht.
2026 – die Zeiten sind keineswegs „ernst und trübe“ wie 1926 und der Antisemitismus Wagners gehört – in Diskurs und Gestaltung – zum Anliegen dieser Festspiel-Ära. Die Zeiten sind anders angespannt. Strukturwandel, Gebäude-Sanierung und Finanzprobleme kennzeichnen die Gegenwart. Und eine Art Erdrutsch findet statt, der sich zwar vor den Augen der Öffentlichkeit abspielt, dennoch aber sehr diskret vollzieht: es ist der endgültige Übergang vom Familientheater zum (Frei-) Staatstheater.
Meine Kinderfrage nun: ist das gut? Sichert das die Zukunft der Bayreuther Festspiele sowohl in künstlerischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht? Bewahrt uns das vor Vetternwirtschaft und Familienintrigen, Vorteilnahmen und Vertreibungen, von Diffamierungen, Hausverboten und Rechtsbeugung?
Zunächst einmal: ja. Die Festspiele sind dann einem unkontrollierbaren innerfamliären Treiben und seinen – zumeist patriarchialischen – Machtabsicherungen entzogen. Und wenn ich meine Laterna magica jetzt entsprechend einstelle, werden Sie erstrecht nach Staatskontrolle und Kultur-Erbe-Sicherung rufen.
Wir halten im Frühsommer 1945. Die Familien Wieland und Verena Wagner fliehen vor den Aliierten über den Bodensee, man hat sich Asyl in der Schweiz arrangiert. In der Mitte des Sees kommen Patroullien auf ihr Boot zu; Enkel Wieland schwenkt die „Tristan“-Partitur, im festen Glauben das „opus metaphysicum“ sei als Passierschein unschlagbar. Irrtum. Die Familien wurden zurückgeschickt. Sicherlich klebte auch noch Dreck an der Partitur, war diese doch lange genug, in Kinderwindeln gewickelt, im Garten des hölzernen Ferienhauses am Ufer des Sees vergraben.
Das kostbare Autograph moderte dann für zehn Jahre vor sich hin. Erst 1955, beim ersten Gastspiel der Bayreuther Festspiele im Ausland, in Barcelona – nahm Wieland Wagner das Erbstück mit, um es im Zusammenhang mit seiner dortigen „Tristan“-Inszenierung zu zeigen. Dann aber kehrte das Objekt keineswegs ins Familien-Archiv nach Bayreuth zurück, sondern wurde vor Ort, in der Banco Transatlantico deponiert, um es für einen Verkauf disponibel zu halten; in Deutschland wäre den Wagners das Kulturgüter-Schutzgesetz in die Quere gekommen. In dieser Bank nun verblieb das Heiligtum achtzehn Jahre lang – bis zur Errichtung der Richard-Wagner-Stiftung 1973, wo ein Fehlen des weltberühmten Werkes wohl aufgefallen wäre. Eva, die Tochter des Festspielleiters Wolfgang Wagner, wurde deshalb nach Barcelona geschickt, um das Autograph aus seiner Diaspora im spanischen Safe zu „erlösen“. Es gelang, die Urenkelin stopfte das Ding in eine Einkaufstüte und flog zurück nach Bayreuth. Heute liegt die Partitur von „Tristan und Isolde“ im Keller von Wahnfried, in sicherer, familiensicherer Verwahrung.
Stiftungsgedanken begleiteten das Festspielunternehmen seit seinen Anfängen. Aber auch die schließlich geglückte Richard-Wagner-Stiftung von 1973 ist ein merkwürdiges und krisenanfälliges Gebilde. Denn hier kostet das gestiftete Objekt – vor allem das Festspielhaus; und es kostet auch die Pflege des Museums Wahnfried, der Archive, der Liegenschaften. Das mußte irgendwann an den grundsätzlichen Strukturen nagen.
Im März 2010 mahnte ein herabfallender Gesimsbrocken an das Alter des Festspielhauses und rief nach Gegenmaßnahmen. In Etappen fanden diese statt, zuletzt wurde 2024 eine „Verwaltungsvereinbarung“ zwischen Bund und Freistaat unterzeichnet, die zusammen 170 Millionen Euro zur Generalsanierung bereitstellt. Zugleich wurde eine Trennung der künstlerischen Leitung von der geschäftlichen beschlossen. Das Künstlerische weiterhin (noch) in Wagnerhänden, das Geschäftliche in den Händen eines Branchen-Profis. Undenkbar bei jeder bisherigen familiären Leitung, gehört eine solche Trennung aber zur weltweit bewährten Praxis. Also: warum nicht?
Da muß ich Sie noch einmal auf die Hinterbühne – oder besser: Hintertreppe – bitten. Denn was bedeuten die neuen Strukturen?
Das Budget für die Kunst wird nun nach dem grünen oder roten Licht einer Verwaltungs-GmbH ausgerichtet, in der die Abgesandten von Bund und Bayern den Ton angeben, mit dabei die Stadt und die Freunde. Aber dieselben Organe/Geldgeber eignen sich nun auch das Recht an – fast schon verbrieft – , die jeweilige künstlerische Leitung zu ernennen – eigentlich das „Königsrecht“ der Stiftung und nicht hintergehbare Bedingung der Stifterfamilie beim Einbringen ihres Erbes.
Die Stiftung aber erscheint vom neuen Sanierungs-Geldsegen förmlich plattgedrückt und verteidigt nur noch schwach einen letzten profamiliären Paragraphen, eine letzte Glut unter der Asche der Familien-Regentschaft. Die staatlichen Investoren – Retter des Materiellen – bilden zugleich auch die – entschuldigen Sie den krassen Ausdruck – Totengräber des familiären Elements in der Festspielgeschichte.
Mit einem Verlöschen des dynastischen Elements der Wagner-Festspiele ginge aber etwas verloren, was zum innersten – und auch zum originellen – Kern dieses Festspiels gehört. Ein Vermächtnis ginge verloren, das zugleich Auftrag an die Zukunft ist. Man mag das Erbgut dieser Familie als „verseucht“ betrachten und historische Absolution sollte auch der Institution nicht erteilt werden. Aber eben:
Tempelreinigungen wurden vollzogen, Bayreuth steht mitten im international geprägten und geistig offenen Wagner-Wettbewerb – ein Liebäugeln etwa mit der AfD gibt es nicht. Was wäre falsch daran gewesen, die ideologische Teufels-Austreibung zunächst auf ästhetischem Gebiet zu versuchen? Eine andere Möglichkeit gab es nach dem Krieg nicht – es sei denn: cancel culture – cancel Wagnertheater. Wir säßen heute nicht hier und Tausende wären um aufregende Kunst-Erlebnisse ärmer.
Und Sie alle kämen auch um den Genuß eines Schauspiels von eigenen Qualitäten, dem living theatre der Wagnerfamilie. Wie sagte doch der ehemalige Intendant der Münchner Staatsoper, Peter Jonas, vor ein paar Jahren hier an dieser Stelle?
„Wieland Wagner fand seinen persönlichen Ausweg durch die Kunst, womit er nicht nur sich selbst, sondern auch diese Festspiele erlöste – durch einen Prozess, den sein Bruder fortführte und nach ihm die nächste Generation bis zum heutigen Tag. Ein Prozess, der schmerzvoll war, unberechenbar, aufregend, dramatisch, melodramatisch, wild, brillant, bizarr, streitsüchtig, unvollkommen, witzig und ernsthaft, alles auf einmal – und genau so muss er bleiben.“
Ad multos annos also, liebes Festspielhaus, Narrenlaune meines Urgroßvaters, sorgfältig zum Wagnertheater ausgebaut von meiner Urgroßmutter, sensibel geführt von meinem Großvater, politisch in schändliches Fahrwasser geleitet von meiner Großmutter, künstlerisch erneuert von meinem Vater, durchorganisiert und in Richtung Staatsbesitz geführt von meinem Onkel – hallo – Katharina, jetzt kommst Du dran – aber nein, aber nein – jetzt erst Beethoven, jetzt endlich der Menschheitsjubel: Freude schöner Götterfunken!!“ Willkommen zurück, hochverehrtes Festspiel-Orchester!
Haben Sie, verehrtes Festpublikum, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Aufführungsdatenbank
Werke, Inszenierungen, Namen…
In unserer Aufführungsdatenbank finden Sie sämtliche Aufführungen ab 1951 bis zur Gegenwart verzeichnet, dazu die Dirigenten und Regieteams und selbstverständlich die Besetzungen der einzelnen Partien sowie zu fast allen Namen weitere Informationen.
Festspielmagazin 2026
Entdecken Sie den Ausblick auf die Festspielsaison 2026.
Sie können das Festspielmagazin 2026 direkt durchblättern oder als PDF-Datei downloaden und ausdrucken.


3D-Rundgang
Rundgang durch das Bayreuther Festspielhaus
Einen virtuellen Besuch des geschichtsträchtigen Bayreuther Festspielhauses ganz bequem von zuhause aus ermöglicht Ihnen unser neuer 3D-Rundgang. Lassen Sie sich von der Architektur, die Richard Wagner nach seinen eigenen Vorstellungen umsetzte, inspirieren.
Kenner, Freunde, Skeptiker –
sie alle kommen jeden Sommer auf den Grünen Hügel, um sich, abseits der großen Kulturmetropolen, mit seinem Vermächtnis auseinanderzusetzen. Seit 1876, als er zum ersten Mal seinen „Ring des Nibelungen“ als Zyklus aufführen konnte. Richard Wagner: Revolutionär, Utopist – hier bleibt sein Erbe lebendig. Beim spannendsten Musiktheaterfestival der Welt.



